Baum und Wind
Wind, ich höre deine Lieder,
sie sind mir so sehr vertraut,
ihre Schwingung, ihre Töne,
einmal leise, einmal laut.

Deine Stimme mich so sanft,
liebevoll und zart begrüsst,
und ich zittre voller Freude,
wenn du meine Äste küsst.
Dann entfalte ich mein Kleid
bis in jeden kleinsten Ast,
weil du Wind mit deiner Wärme
mich berührt, verzaubert hast.

Meine Knospen brechen auf,
bunt und duftend ist mein Kleid,
fröhlich ist dein Lied, du Wind,
in der schönen Frühlingszeit.
Heiss und drückend stehst du still
während meine Frucht gedeiht,
und mir einen Hauch von Schwere
und von Üppigkeit verleiht.

Doch du weißt auch, lieber Wind
was ich brauche zum Gedeihn,
schickst mir den Gewitterregen
und dann bin ich stark und rein.
Kälter wirst du Sommerwind,
Nebel leise mit dir geht,
deine Stimme voller Wehmut
über meine Pracht hinweht.

Meine Blätter sich verfärben,
leuchten auf in bunter Pracht,
fallen leise in die Tiefe,
decken meine Wurzeln sacht.
Doch wenn deine Stimme brüllt,
über meine Äste fegt
und mein ganzes Wurzelreich
wegen dir, du Sturmwind, bebt,

dann erschüttert mich dein Tosen
und ich fürcht mich wie ein Kind,
meine letzten Blätter stieben,
wirbeln fort mit dir, mein Wind.
Schnee und Eis durchzieht dein Atem
unter dessen Hauch mich friert,
und ein weisskristallnes Kleid
mein erstarrtes Astwerk ziert.

In den Winterschlaf versink ich,
nur ein Flüstern noch, bist du,
dessen Stille mich begleitet
und mir gönnet meine Ruh.
Doch mein Dasein ist nicht leer,
denn in meinem Kern ist Licht
das in Form von hellem Grün,
bald schon aus den Ästen bricht.

Monika Schudel, Nov. 1998 ...